Stellungnahme zu „Gute Vitamine , schlechte Vitamine“
(Focus Nr. 24, 8.6.2009, S. 62)

Der Artikel ist sehr tendenziös und einseitig recherchiert. Es werden Fakten mit falschen Interpretationen vermischt. Ohne den Artikel im Detail durchzugehen, erlaube ich mir dazu einige Anmerkungen, die ich in gekürzter Form auch dem Focus als Leserbrief zukommen ließ.

1. Schon der Titel und die Zusammenfassung sind Unsinn: es darf nicht geschrieben stehen „welche der Substanzen wirklich gut sind – und welche schaden können“. Es gibt keine schlechten Vitamine, da Vitamine lebensnotwendig sind. Nur falscher Gebaruch kann schaden – und da können die Vitamine nichts dafür.

2. Es werden ohne besondere Erklärung „Hohe Dosierungen“ und Nahrungsergänzungsmittel vermischt, was völlig falsche Vorstellungen vermittelt. Per Gesetz dürfen Nahrungsergänzungsmittel nur vergleichbar kleine Mengen an Vitaminen enthalten und können bei adaequatem Gebrauch die beschriebenen Folgeerscheinungen nicht produzieren.
In hohen Dosen werden Vitamine als Arzneimittel über Apotheken vertrieben, ähnlich wie z.B. Diabetesmedikamente, Psychopharmaka oder Krebsmittel – und können bei falschem Einsatz in den falschen Händen Nebenwirkungen hervorrufen. Deshalb sollten sie nur von erfahrenen Therapeuten und nur bei geeigneten Indikationen eingesetzt werden – und bei richtigem Einsatz wirken sie erstaunlich häufig positiv und haben deutlich weniger Nebenwirkungen als andere bekannte Medikamente.

3. Es werden im Artikel einseitig nur einige wenige negative Studien ausgewählt, wie es sie übrigens für wohl alle Arzneimittel gibt. Die allgemein zugängliche große Zahle positiver Studien zum Nutzen von Vitaminen wird nicht angesprochen. Zudem werden vorgestellte Studien nicht objektiv zitiert:
a) In der 2. Nationalen Verzehrstudie steht nicht nur, dass die Versorgung mit Folsäure und Vitamin D bei der Mehrheit der Bevölkerung schlecht ist, sondern dort wird auch beschrieben, dass bei einem unterschiedlich hohen Prozentsatz von Deutschen quer durch alle Altersgruppen eine Unterversorgung an fast allen Vitaminen besteht, z.B. bei 25-34-jährigen Männern für Vitamin E in 47 % und für Vitamin C in 35,5 % der Fälle.
b) In der Studie von Sesso findet sich die Aussage, dass bei Teilnehmern, die bereits vor Studienbeginn eine kardiovaskuläre Erkrankung hatten, unter Vitamin E die Häufigkeit von Herzinfarkt (HR 0,88; 95 % CI), Schlaganfall (HR 0,74) und kardiovaskulärer Sterblichkeit (HR 0,3) und unter Vitamin C die Zahl der Herzinfarkte (HR 0,57) reduziert waren. Bei Teilnehmern mit familiären Herzinfarkten waren unter Vitamin E kardiovaskuläre Hauptereignisse signifikant verringert.
c) Studie von Ristow: Studienteilnehmer ist eine kleine Gruppe von 39 gesunden Männern. Zudem ist eine Hochdosisgabe von 1g Vitamin C und 400 mg Vitamin E in einer Primärpräventionsstudie nicht sinnvoll und eigentlich nicht zulässig (zumindest hätte man Vitamin-C- und E-Spiegel messen müssen, was nicht erfolgte). Die Insulinsensitivität wurde durch die Vitamine nicht verbessert aber auch nicht verschlechtert, was bei gesunden Menschen auch nicht unbedingt zu erwarten ist.
Man hätte sinnvoller weise Diabetiker untersuchen müssen. Dort zeigen Vitamin C und Vitamin E gute Wirkung, was z.B. in einer Studie von Sargant mit 6458 Teilnehmern gezeigt wurde: In der Studie waren die mittleren Plasmaspiegel von Vitamin C signifikant höher bei Teilnehmern mit HbA1c < 7%. Die Odds ratio für unentdeckte Hyperglykämie betrug 0,70 pro 20 mcmol/l Anstieg des Plasma-Vitamins. Die Änderung von HbA1c pro 20 mcmol/l Anstieg von Vitamin C betrug bei Männern -0,08% und bei Frauen -0,05%. Es fand sich eine inverse Beziehung zwischen Vitamin C im Plasma und HbA1c (Sargeant LA et al.; Vitamin C and hyperglycemia in the European Prospective Investigation into Cancer--Norfolk (EPIC-Norfolk) study: a population-based study; Diabetes Care 2000, 23, 726-732).
Auch in zwei weiteren Studien zeigte Vitamin C positiv Wirkung bei insulinpflichtigen und nicht-insulinpflichtigen Diabetikern: es führte bei beiden Gruppen zu einer Verbesserung der zuvor reduzierten endothelabhängigen Vasodilatation( Ting HH et al., Vitamin C Improves Endothelium-dependent Vasodilation in Patients with Non-Insulin-dependent Diabetes Mellitus; J Clin invest 1996; 97, 22-28 und Timimi FK et al., Vitamin C improves endothelium-dependent vasodilation in patients with insulin-dependent diabetes mellitus; J Am Coll Cardiol 1998, 31; 552-557).
Vit. E 900 mg reduzierte bei nicht-insulinpflichtigen Diabetikern gegenüber Placebo den oxidativen Stress und verbessert die Insulinwirkung (Paolisso G et al., Pharmacologic doses of vitamin E improve insulin action in healthy subjects and non-insulin-dependent diabetic patients; American Journal of Clinical Nutrition 1993; 57, 650-656). Bei insulinpflichtigen Diabetikern führt es zu einer signifikanten Reduktion des primäre Endpunktes (Myokardinfarkt, Apoplex, pAVK und instabile AP) mit 16% gegenüber 33% unter Placebo (Reduktion ist 54%, p= 0,014). Die Myokardinfarkte waren um 70% seltener (Boaz M et al., Secondary prevention with antioxidants of cardiovascular disease in endstage renal disease (SPACE): randomised placebo-controlled trial; Lancet 2000, 356; 1213-1218). Es erhöht signifikant den bei Diabetikern signifikant erniedrigten retinalen Blutfluss (war dann vergleichbar mit dem von Nicht-Diabetikern) und normalisiert signifikant die erhöhte Kreatinin-Clearance. Vitamin E reduziert damit das Risiko für diabetische Retinopathie und Nephropathie (Bursell SE et al; Hg-Dose Vitamin E Supplementation Normalizes Retinal Blood Flow and Creatinie Clearance in Patients with Typ 1 Diabetes; Diabetes Care 1999; 22; 1245-1251).
Bei Patienten mit Übergewicht und Insulin-Resistenz fallen unter 800 IU bzw. 1200 IU Vitamin E in positiver Korrelation mit den Plasma-Vitamin-E-Spiegeln die Plasma-Peroxide bei Messungen nach 6 Monaten um 29 % gegenüber Placebo ab. Auch die Plasma-Alanintranferase ALT fallen signifikant ab. Vitamin E verbessert oxidativen Stress und hepatozelluläre Funktion (Manning PJ et al.; Effect of High-Dose Vitamin E on Insulin Resistance and Associated Parameters in Overweight Subjects; Diabetes Care; 2004; 27; 2166-2171).
Auch der Studienautor führt übrigens an, dass „hohe Zufuhr von Obst und Gemüse ein Quelle von Antixodantien ist und das Risiko für Diabetes senkt ….“
Der Titel der Untersuchung „Antioxidants prevent health promoting effects …“ ist also per se ein Widerspruch, zudem da durch die körperliche Aktivität und die daraus folgende Radikalenbildung ja die Antioxidantien SOD 1 und 2 sowie die Glutathionperoxidase erhöht wurde. Dies war zu erwarten und ist bei erhöhter Radikalenbelastung notwendig. Unter der hohen Vitamin C-Dosis nahmen die Spiegel wieder ab, evtl. deshalb weil dann wegen der guten Gesamt-Antioxidantienversorgung keine so großen Mengen benötigt werden. E ist m.E. zudem nur eine Annahme, dass die ROS die Insulinsensitivität erhöht haben. Es findet sich kein ursächlich gesicherter Bezug. Für diese Anpassung kommt in erster Linie die körperliche Aktivität in Frage.
Zum Thema Antioxidantien und Sport hänge ich diesem Text unkommentiert einige Studien mit Schwerpunkt Vitamin C und Vitamin E an.
d) Studie von Gomez-Cabrera: Es nehmen in der Verumgruppe nur 5 (1) gesunde Männer teil, was keine sichere Aussage ermöglicht. Auch bei dieser Primärpräventionsstudie ist eine Dosis mit pharmakologisch wirksamen 1g Vitamin zu hoch. Im übrigen gelten die gleichen Kriterien wie in de Studie von Ristow.
e) Studie von Gluud (und Bjelakovic G): Die Studie wurde vielfach kritisiert und ihre Aussagekraft wird auch im Artikel relativiert. Ich zitiere von den vielen Stellungnahmen hier nur 2 Aussagen von renommierten Wissenschaftlern:
Prof. Hasford J (Prof. für med. Informationsverarbeitung schreibt am 21.8.2007:
Die positiven Wirkungen von Antioxidantien sind in vielen Untersuchungen gut belegt, Die Studienaussagen, dass Antioxidantien die Sterblichkeit erhöhen, sind hinfällig, denn: Es werden gesunde Menschen mit Patienten und unterschiedlichen Krankheiten gleichgesetzt, Es wurden 5 verschiedene Antioxidantien als Monotherapie und als Kombination sowie in unterschiedlichen Dosierungen verabreicht (bis zum 500-fachen der geringsten Dosierung in den Einzelstudien), Die Behandlungsdauer liegt zwischen 1 Tag und 12 Jahren, Es wurden nicht nur (wie beschrieben) Primär- und Sekundärstudien sondern auch andere Versuchsarten ausgewertet.
Prof. Dr. Mark Houston, Vanderbilt University School of Medicine, Chefredakteur des JANA schreibt:
Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Nachweisen zeigt den Nutzen von Antioxidantien, Die Studie nutzt fehlerhafte Voraussetzungen und führt somit zu fehlerhaften Ergebnissen, von 815 Studien wurden 747 (91,5 %) verworfen, 405 davon wurden verworfen, weil kein Studienteilnehmer verstorben ist (vielleicht waren Antioxidantien daran beteiligt?), Ausgewählte Studien waren sehr unterschiedlich hinsichtlich Probanden, Dosierungen, Dauer, Methoden, Es wurden in verschiedenen Studien unterschiedliche Antioxidantien alleine oder in Kombination eingesetzt, Es wurden in unterschiedlichen Studien Gesunde oder Kranke untersucht..
Zudem schreibt zu dieser Studie auf Nachfrage JAMA am 15.8.2007: „Your inquiry was correct; there was an error in the data extraction that you identified … we will be publishing a correction based on this“

4. Es ist falsch, dass freie Radikale nicht am Alterungsprozess beteiligt sind. Die negative Wirkung von oxidativem Stress ist in einer großen Zahl von Studien belegt. So führt er nachweislich auch zu einer Verschlechterung der Insulinresistenz und ist ein pathophysiologischer Faktor bei der Entstehung von Diabetes mellitus. Es ist aber nicht ausreichend belegt, dass der kurzfristige leichte Anstieg von freien Radikalen (wo ist die Grenze?) die Insulinsensitivität tatsächlich erhöht, die antioxidative Verteidigung verbessert und für „zelluläre Anpassungen“ verantwortlich ist (wie wurde das gemessen?)

5. Wer vielfältig isst, nimmt genug Vitamine zu sich. Wenn dazu beschrieben würde, dass diese Aussage nur gilt, wenn man zudem einen vernünftigen Lebensstil pflegt und keine besonderen Risiken hat, geht das in Ordnung. Aber wir alle müssen uns fragen, wie viel Prozent der Deutschen vernünftig leben und vernünftig essen – und das sind ganz grob geschätzt sicher deutlich weniger als 50 %. Und dabei ist noch ein auch im Artikel beschriebener erhöhter Bedarf an Vitaminen in bestimmten Situationen, wie bei Rauchern, bei Stress oder in der Schwangerschaft noch nicht berücksichtigt.
Deshalb besteht eine der wichtigsten Aufgaben der heutigen Medizin und der Medien darin, Menschen dazu zu bringen, sich vernünftig zu ernähren und einen besseren Lebensstil zu pflegen – und nicht darin, unsauber recherchierte Artikel zu platzieren..

Die für uns wichtigen und objektiven Nachrichten des Artikels lauten:
• Alle Vitamine sind gut, essentiell und lebensnotwendig. Allerdings müssen sie korrekt eingesetzt werden und der beste Weg ist, sie über die Nahrung zuzuführen, der zweitbeste Weg sind Präparate (das gestand der Autor nach einem langen Telefongespräch zu).
• Es wird anerkannt, dass Vitamin D und Folsäure einen hohen gesundheitlichen Nutzen und viele Menschen zuwenig davon haben: mindestens 80 % der Deutschen haben zu wenig Folsäure und 60 % zu wenig Vitamin D.
• Radikale müssen nicht bei Gesunden abgefangen werden, sondern nur dann, wenn es zu viele werden, das Stoffwechselgleichgewicht gestört ist und sie Schaden anrichten können, also im Falle von oxidativem Stress. Dann ist eine adaequte Versorgung mit Antioxidantien notwendig. Radikale können unter bestimmten Voraussetzungen auch nützlich sein.
• Der inflationäre und falsche Einsatz von Vitaminen und Geschäftemacherei mit pharmakologisch wirksamen Substanzen ist abzulehnen - und dies sollte für alle anderen Medikamente im Markt auch gelten. Wir vermitteln den hohen Wert einer gesunden vollwertigen Ernährung und bringen dabei klar zum Ausdruck, dass Vitamine in individuell unterschiedlichen Mengen essentiell für Leben und Gesundheit sind. Der im Artikel vorgestellte Kollege ist in dieser Hinsicht sicher sehr negativ zu sehen.

Dr.med. Udo Böhm
Lehrbeauftragter der LMU München
Vorstandsmitgleid der Deutschen Gesellschaft für präventive Medizin
Ausbildungsleiter der European Academy of nutritional medicine
Mail: agg-uw@kabelmail.de






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