Parenterales Vitamin C verlangsamt Krebswachstum

Zu diesem Thema berichten: Stern, Focus, Bild-Zeitung, Deutsches Ärzteblatt, br-online u.v.a.

Stern 4.8.2008
Hoch dosiertes Vitamin C bremst das Wachstum von Krebstumoren - zumindest bei Labormäusen. Allerdings darf das Vitamin dazu nicht geschluckt, sondern muss gespritzt werden, berichten US-Forscher. Sie sprechen sich dafür aus, nun die Anwendung beim Menschen zu erforschen.
Über den möglichen Nutzen einer Vitamin-C-Behandlung bei Krebs wird bereits seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Schon vor mehr als 30 Jahren hatten Studien darauf hingewiesen, dass das Vitamin in hohen Dosen verabreicht die Überlebenszeit von Krebspatienten verlängert. In nachfolgenden Untersuchungen konnte der Nutzen dann jedoch nicht nachgewiesen werden, sodass die konventionelle Medizin den Einsatz von Vitamin C wieder verwarf. In der Alternativmedizin hingegen wurde es weiterhin auch in der Krebsbehandlung eingesetzt.
Nun haben Forscher um Mark Levin von den National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, in Versuchen mit Krebszellen und Mäusen nachgewiesen, dass das Vitamin in hoher Dosierung das Wachstum von Tumoren bremsen kann. Über ihre Studie berichten sie im Fachmagazin "PNAS".
Vitamin C gehört zu den sogenannten Antioxidantien. Das sind Substanzen, die im Körper aggressive Sauerstoffmoleküle unschädlich machen. In sehr hoher Konzentration fördert das Vitamin allerdings die Bildung von chemischen Radikalen - vor allem von Wasserstoffperoxid. Und diese Substanz kann Krebszellen zerstören. Derartig hohe Konzentrationen von Ascorbinsäure, so die chemische Bezeichnung für Vitamin C, durch vitaminreiche Kost oder die Einnahme von Vitaminpräparaten zu erreichen, ist jedoch unmöglich. Ein eingebauter Schutzmechanismus verhindert, dass mehr Vitamin C ins Blut übergeht, als der Körper benötigt. Überschüssige Ascorbinsäure wird einfach ausgeschieden.
Kombination mit anderen Therapien
Zuerst untersuchten die Forscher, welche Wirkung Vitamin C in hoher Konzentration auf verschiedene Zellkulturen hat. Sie testeten nicht nur 43 Krebszelllinien, sondern auch fünf verschiedene gesunden Zelllinien, um mögliche starke Nebenwirkungen zu erkennen. Die Vitamin-Kur löste bei den gesunden Zellen keine akuten Schäden aus, schädigte aber einen großen Teil der Krebszellen.
In einem weiteren Versuch spritzten die Forscher krebskranken Mäusen das Vitamin in einer Konzentration von vier Gramm pro Kilogramm Körpergewicht direkt in den Bauchraum. Aggressive Tumore der Bauchspeicheldrüse, der Eierstöcke und des Gehirns bremsten daraufhin ihr Wachstum um 41 bis 53 Prozent. Gesunde Zellen hingegen wurden nach Angaben der Forscher durch die Behandlung nicht geschädigt.
Solche hohen Konzentrationen können auch beim Menschen erreicht werden, wiesen die Forscher nach, als sie Freiwilligen die Substanz über Infusionen verabreichten und anschließend das Blutplasma der Probanden analysierten. Ascorbinsäure könnte daher künftig als wichtiger Wirkstoff in der Chemotherapie von Krebspatienten eingesetzt werden, nehmen Levine und Kollegen an. Da das Vitamin allein die Krebserkrankung nicht heilen könne, sei eine kombinierte Anwendung mit anderen Therapeutika beim Menschen am aussichtsreichsten, erläuterten die Forscher.

Deutsches Ärzteblatt, 5.8. 2008
Während Vitamin C in normaler Dosierung als Antioxidans den Untergang von Zellen verhindert, hat es in hohen Dosierungen eine prooxidative Wirkung, die in tierexperimentellen Studien in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2008; doi: 10.1073/pnas.0804226105) das Wachstum von aggressiven Tumoren deutlich reduzierte.
Die Idee, dass Vitamin C in hohen Dosierungen Krebs vorbeugen kann, hat den Nobelpreisträger Linus Pauling viele Jahre seines Lebens beschäftigt. Was Pauling nicht wusste: Die orale Zufuhr großer Vitamin C-Mengen bleibt ohne Wirkung, da der Körper die Konzentration des lebenswichtigen Vitamins in engen Grenzen hält.
Diese Kontrolle kann nach Auskunft von Mark Levine jedoch durch eine parenterale Gabe leicht umgangen werden.
Der Forscher vom US-National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases in Bethesda/Maryland applizierte den Versuchstieren Vitamin C entweder intravenös oder intraperitoneal in der Dosierung von 4 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
In diesen extrem hohen Dosierungen wird Vitamin C vom Antioxidans, das toxische Stoffwechselprodukte unschädlich macht (Radikalenfänger), zum Prooxidans, das Wasserstoffperoxid freisetzt. Nach der Theorie Levines soll dies vor allem den Tumoren im Körper schaden. Er konnte eine Antitumorwirkung zunächst in Zellinien nachweisen.
Der nächste Schritt bestand in tierexperimentellen Studien. Es wurden Mäuse behandelt, denen drei besonders aggressive Tumoren – Ovarial-, Pankreaskarzinom oder Glioblastom – transplantiert worden waren. Bei allen drei Malignomen konnte laut Levine eine Reduktion von Tumorwachstum und -gewicht um 41 bis 53 Prozent erzielt werden. Beim Glioblastom konnte außerdem eine Metastasierung in andere Organe verhindert werden, die im Kontrollarm der Studie bei 30 Prozent der Versuchstiere beobachtet wurde.
Allerdings bedeutet eine Reduktion der Tumorgröße im Tierexperiment noch lange keine Heilung – Teilremissionen sind ein häufiges und selten beständiges Phänomen in der Onkologie. Zudem erscheint gegenüber im Hochsommer lancierten Pressemitteilungen immer eine gewisse Skepsis angebracht, selbst wenn sie von einem führenden Forschungsinstitut herausgegeben werden.
Die Publikation wird jedoch zweifellos klinische Studien nach sich ziehen, zumal Levine bereits zeigen konnte, dass derartig hohe Vitamin-C-Spiegel auch beim Menschen erreicht werden können. Es gibt auch bereits zwei laufenden komplementär-medizinische Studien.
Jeanne Drisko von der Universität Kansas City rekrutiert seit Juni 2008 fünfzig Patienten mit gynäkologischen Tumoren (Ovar, Uterus, Cervix). Bereits im letzten Jahr hat das ebenfalls komplementärmedizinisch orientierte Cancer Treatment Centers of America aus Zion/Illinois eine Studie registrieren lassen, in der 18 Patienten eine intravenöse Vitamin C-Therapie erhalten sollen. Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die orale Therapie mit Vitamin C gilt als widerlegt, seit zwei randomisierte Studien aus den Jahren 1979 und 1985 keine Wirkung feststellen




  • Stellungnahme zu Focus-Artikel \
  • von Dr.med. Udo Böhm
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